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Schichtarbeit und Gesundheit – Der Praxisleitfaden für gesunde Schichtarbeit

Schichtarbeit und Gesundheit – Gesunde Schichtarbeit fördern

Zu den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt gehört es, flexibel zu reagieren und mobil zu sein. Unmittelbares Reagieren auf Kundenwünsche und kontinuierliche Wettbewerbsfähigkeit erfordert in vielen Branchen die Arbeit rund um die Uhr. In etlichen Berufen ist dies seit langem unabdingbar, so wollen wir in der medizinischen Versorgung und in vielen anderen Dienstleitungssektoren nicht mehr auf kontinuierliche Arbeitsabläufe verzichten. Auch im produzierenden Gewerbe ist die Arbeit in Schichten seit langem nicht mehr wegzudenken. Die Zunahme des Dienstleistungssektors und der steigende Wunsch nach Flexibilisierung im 21. Jahrhundert haben einen drastischen Anstieg in der Zahl der Schichtarbeitenden herbeigeführt. So kommt es, dass 2011 in Deutschland etwa 17 Millionen Erwerbstätige in einem Wechselschichtsystem arbeiteten, davon 2,5 Millionen in Nachtschicht (600 000 Frauen und 1,9 Millionen Männer, s. Quelle 1)

 


 

Schichtarbeit ist nicht nur anstrengend, sondern auch gesundheitsbelastend

Studien zeigen, dass Schichtarbeit Arbeitnehmern besonders viel abverlangt. In Spät- und Nachtschichten sind Unterschiede in der physiologische Arbeitsbeanspruchung zu verzeichnen. Die objektive Belastung steigt bei gleicher Tätigkeit in den verschiedenen Schichten:

  • In der Frühschicht: 100 %
  • In der Spätschicht: 113 %
  • In der Nachtschicht: 156 %

Grund dafür ist die Arbeit gegen die „innere Uhr“: Wir arbeiten in der Schichtarbeit entgegen dem biologischen Rhythmus des menschlichen Körpers. Die meisten biologischen und psychischen Vorgänge in unserem Körper verlaufen nämlich nach einem natürlichen Rhythmus. Viele Körperfunktionen haben einen Zyklus von etwa einer Tageslänge und werden als zirkadiane Rhythmen bezeichnet. So sind beispielweise Blutdruck, Puls, Atmung, Körpertemperatur und Verdauung an die innere Uhr geknüpft. Äußere Zeitgeber wie Tageslicht sind dafür verantwortlich, dass sich die „innere Uhr“ nach dem Tag-Nacht-Rhythmus richtet.

Da der Mensch von Natur aus tagaktiv ist, sind wir am tagsüber und insbesondere am Morgen besonders leistungsfähig. Während der Nacht fahren sich dann sämtliche Körperfunktionen runter. Der Körper ist auf Ruhe programmiert, wodurch wir weniger konzentriert und leistungsfähig sind.

Das Ergebnis der Zusatzbelastung in Spät- und Nachtschichten sind erhöhte Fehlerquoten. Tschernobyl, Exxon Valdez, Three Miles Island oder auch die Havarie der Costa Concordia – alle vier Katastrophen ereigneten sich in der Spät- und Nachtschicht.

Auch gesundheitliche Risiken werden mit Schichtarbeit in Verbindung gebracht: Arbeiten wir dauerhaft gegen unsere innere Uhr, ist der Körper einer kontinuierlichen Belastung ausgesetzt. Störungen des Bio- und Schlafrhythmus sind die Folge, die körperliche und psychische Konsequenzen mit sich ziehen: Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Magenbeschwerden, innere Unruhe und Nervosität sowie Müdigkeit und Abgeschlagenheit sind einige der typischen Symptome, unter denen Arbeitnehmer leiden, die Schichtarbeit leisten müssen. Die veränderten Tagesabläufe durch Schichtarbeit haben außerdem oft Auswirkungen auf das Sozial- und Privatleben.

 


Die gesundheitlichen Auswirkungen sind von bestimmten Faktoren abhängig. Wie regelmäßig können die Mahlzeiten eingenommen werden? Kann morgens bis mindestens 6:30 Uhr geschlafen werden? Ist die Arbeit spätestens um 20:00 Uhr beendet? Auch die Temperaturen und Lichtverhältnisse auf der Arbeit können die Motivation und Konstitution eines Menschen beeinflussen. Folgende Symptome oder Krankheiten können dadurch auftreten:

• Störung des biologischen Tag- und Nacht-Rhythmus
• Typ-2 Diabetes
• Herz- und Kreislauf Erkrankungen
• Probleme bei der Verdauung
• Mangel an Vitamin D (wegen fehlendem Sonnenlicht)
• Depressionen
• Essstörungen
• Nervosität
• Abgeschlagenheit
• Magenbeschwerden
• Schlafstörungen

Besonders die Schlafstörungen bereiten den Schichtarbeitern starke Probleme. Zudem gibt es eine erhöhte Unfallneigung, welche zu Verletzungen oder schwerwiegenden Schäden führen können. Beispiele gibt es dafür zur Genüge. Der Reaktorunfall in Tschernobyl, der verunglückte Öltanker Exxon Valdez, die Beschädigung an der Costa Concordia mit anschließender Havarie, sowie der Kernschmelzunfall beim Kraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania ereigneten sich während der Spät- oder Nachtschicht.

Gesund in der Schichtarbeit – Körperliche und psychische Gesundheit von Schichtarbeitern stärken


Wie die „innere Uhr“ unser Leben diktiert

Menschen bekommen zu einer bestimmten Zeit Hunger, sie werden müde und haben einen inneren Rhythmus. All diese biologischen Muster sind sehr stark und die Helligkeit und Temperatur gebunden. Diese sorgen für die Steuerung eines ausgeglichenen Bio-Rhythmus des menschlichen Körpers. Schichtarbeiten können diesen durcheinander bringen.

Besonders Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt und Schlafstörungen, welche häufig zu chronischen Leiden werden, sind die Folge. Beide Erkrankungsbereiche sind auf den unsteten Rhythmus des Körpers zurückzuführen. Das Leben wird gegen den Rhythmus der „inneren Uhr“ geführt. Entgegen aller Annahmen kann sich der Körper auch nicht dauerhaft an diesen Zeitplan anpassen. Dafür ist der Schichtwechsel mit seinen regelmäßig veränderten Arbeitszeiten nicht geeignet. Mitarbeiter berichten, dass Kollegen, die den Schichtdienst aus z.B. gesundheitlichen Gründen verlassen müssen, schon wenige Monate später bis zu 10 Jahre jünger aussehen. Es besteht also Handlungsbedarf.

Es gibt Menschen, die erlangen ihre größte Leistungsbereitschaft am Morgen und andere arbeiten am Nachmittag oder Abend am effektivsten. Nicht umsonst wird häufig von Morgenmenschen und Morgenmuffeln oder Lerchen und Eulen gesprochen. Was hierbei auffällig ist, dass niemand seine produktivste Phase in der Nacht erlebt.

 


Wie genau tickt die „innere Uhr“? – Körperliche Reaktionen

 

6 Uhr – Der Körper beginnt mehr Sauerstoff aufzunehmen. Blutdruck und Herzschlag beschleunigen. Die Muskulatur wird besser durchblutet. Der Körper sagt: Aufstehen!

9 Uhr – Der Kreislauf ist auf Hochtouren. Dies gilt auch für die Leistungsfähigkeit des Menschen. Diese liegt hier um 40 % über dem Tagesdurchschnitt.

12 Uhr – Zwei Stunden lang wird eine größere Menge an Magensäure produziert. Dies bedeutet, dass es die perfekte Tageszeit ist, um etwas zu essen. Im Anschluss ist die Verdauung beschäftigt. Dies wirkt sich negativ auf die Arbeitseffektivität aus. Somit ist diese Zeit z.B. der perfekte Zeitpunkt für eine Pause.

14 Uhr – Hier beginnt das nächste Hoch des Tages, welches bis zu 20 Uhr anhalten kann. Mit einer um 10 % erhöhten Leistungsfähigkeit ist es mit der erhöhten Arbeitsleistung am frühen Morgen jedoch nicht zu vergleichen.

20 Uhr – Der Blutdruck sinkt, die Atmung verlangsamt sich, der Körper verlangt nach Ruhe. Spätestens um diese Uhrzeit wäre es aus biologischer Sicht Zeit für den Feierabend.

22 Uhr – Die Körperfunktionen werden vom Körper weiter nach unten reguliert. Die Leistungsfähigkeit fällt immer weiter unter den Tagesdurchschnitt. Daher sollte die regelmäßige Einschlafzeit bei normalem Tagesrhythmus auch zwischen 22 und 24 Uhr fallen.

3 Uhr – Die Körperfunktionen sind auf ein Mindestmaß heruntergefahren. Die Frequenz des Herzschlages ist nur noch halb so hoch im Vergleich zum Tag. Das gilt auch bei Schichtarbeitern in der Nachtschicht. Ohne großen Unterschied ob wir wach sind oder schlafen, denn der Körper befinden sich jetzt im Schlaf-Modus.

6 Uhr – Der nächste Tag beginnt.

Die Leistungsfähigkeit in der Frühschicht wird von den meisten Mitarbeitern am besten eingeschätzt. Dies entspricht auch der biologischen Leistungskurve. Während der Nachtschicht sinkt die Produktivität auf das Mindestmaß.

 


Immer mehr Schwierigkeiten bei Schichtarbeitern ab dem 50. Lebensjahr

In der zweiten Lebenshälfte lässt sich eine veränderte Leistungsfähigkeit von Schichtarbeitern verzeichnen. Ab dem 50. Lebensalter lässt die Regenerationsfähigkeit im Durchschnitt nach, zunehmende Schlafstörungen und Magen-Darm-Erkrankungen werden bekundet. Körperliche Arbeit fällt im höheren Alter nicht nur subjektiv schwerer, sie ist es auch objektiv. Der ältere Arbeitnehmer leistet in einer Nachtschicht in physiologischer Hinsicht mehr, als er in jüngeren Jahren geleistet hat; die Arbeitsbeanspruchung steigt über die bereits erwähnten 156 Prozent hinaus an.

 


Schichtarbeit bis zur Rente mit 67 – Geht das ?

In Deutschland steigt das Durchschnittsalter der Erwerbstätigen, bedingt durch den demographische Wandel. Daher stellt sich die Frage: „Schichtarbeit bis zur Rente 67 – wie soll das gehen ?“

Um den schichtspezifischen Problematiken entgegen zu wirken und den Arbeitnehmer fit in der Schichtarbeit zu machen, gilt es rechtzeitig Maßnahmen zur Krankheitsvermeidung in Angriff zu nehmen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben dabei verschiedene Mittel zu Verfügung, die unterstützen können, dass die Mitarbeiter in der Schichtarbeit auch noch bis zur Rente mit 67 gesund und leistungsfähig bleiben.

 


Maßnahmen zur Gesundheitsförderung von Schichtarbeitern

Trotz der negativen Auswirkungen ist die Schichtarbeit in vielen Branchen unersetzbar. Ärzte und Pflegepersonal können nicht nachts ihre Tätigkeit einstellen. Die Kosten in diversen Branchen wären immens hoch, wenn z.B. Produktionslinien gestoppt oder Arbeitsabläufe unterbrochen werden müssten. Die Auswirkungen der Schichtarbeit lassen sich zwar nicht komplett beseitigen aber auf jeden Fall positiv beeinflussen.

 

Maßnahmen zur Verbesserung der Auswirkungen von Schichtarbeit:

  1. Positives Denken

Dieses Prinzip scheint banal. So wurde wissenschaftlich in einer Studie mit Polizeibeamten belegt (Schweflinghaus, 1990), dass Beamte mit einer positiven Einstellung zum Schichtdienst weniger Magen-Darm-Beschwerden hatten und weniger gestörten Schlaf nach der Nachtschicht hatten. Wer sich mit der Schichtarbeit identifiziert und deswegen nicht ständig schlecht gelaunt ist, der hat also mit geringeren Auswirkungen zu kämpfen.

 

2. Betriebliche Gesundheitsförderung für Schichtarbeiter

Es ist die Aufgabe des Arbeitgebers gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Schichtarbeiter zu entlasten. Eines der wichtigsten Instrumente hierfür ist das Arbeitszeitgesetz welches die Gestaltung von Pausenzeiten, Wochenenddiensten und Arbeitszeiten allgemein regelt. Dieses sieht beispielweise eine Regenerationsphase von 11 Stunden zwischen zwei Schichten vor. Der Arbeitgeber sollte passende Ruheräume zur Verfügung stellen und seine Mitarbeiter dazu anhalten Pausen effizient zu gestalten. Außerdem ist der Arbeitgeber dazu verpflichtet, alle 3 Jahre arbeitsmedizinische Versorgungsuntersuchungen der Schichtarbeiter zu übernehmen. Für Arbeitnehmer ab 50 gilt dies sogar einmal jährlich. Die Aufgabe des Unternehmens ist es, diese Möglichkeit zu kommunizieren und Arbeitnehmer für die Untersuchungen zu motivieren. Job-Rotationssysteme zur Verteilung der Belastung und das Ausbilden junger Nachwuchsmitarbeiter sind weitere Schritte die vom Arbeitgeber eingeleitet werden können, um Schichtarbeiter, besonders im Alter zu entlasten.

 

3. Ergonomische Schichtsysteme

Allgemein notwendig ist die Einführung eines ergonomischen Schichtsystems durch den Arbeitgeber. Ein ergonomischer Schichtplan ist grundsteinlegend für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Schichtarbeiter und bringt in der Regel Produktionssteigerung und eine bessere Kostenentwicklung mit sich. Nur gesunde und zufriedene Mitarbeiter sind motiviert, engagiert, leistungsfähig und auch leistungsbereit. Beim Schichtsystem gibt es so viele Variablen, so dass kaum eine Empfehlung ausgesprochen werden kann. Es muss auf die besonderen Rahmenbedingungen des Betriebes und der Mitarbeiter eingegangen werden, um die Schichtarbeit so schonend wie möglich zu gestalten. So haben sich in vielen Untersuchungen jedoch folgende Grundregeln zur Gestaltung von „gesunden Schichtplänen“ gezeigt.

 

Hier ein kurzer Überblick von Grundregeln, die bei der Schichtplanung berücksichtigt werden sollten:

a. Nicht mehr als drei aufeinanderfolgende Nachtschichten

Der menschliche Körper gewöhnt sich nicht an Nachtschichten. Deshalb sollten die Nachtschichtblöcke möglichst kurz sein, um den Organismus etwas zu entlasten. Außerdem kann durch kurze Wechsel die Ansammlung eines Schlafdefizits vermieden werden.

b. Schnelle Wechsel und vorwärts rotierende Schichten

(Früh, Spät, Nacht) – Schnelle Rotation (z.B. die 2-2-2-3 Rotation) macht es dem Körper leichter, von einer Arbeitszeit zur nächsten zu wechseln und ist dadurch langfristig nachweislich schonender. Wo es möglich ist, sollte die Schicht nach vorne rotieren. Von Früh- zur Spätschicht und von der Spät- zur Nachtschicht. Dabei sollte die Frühschicht am besten nicht schon zwischen vier und fünf Uhr beginnen. Zu dieser Zeit befinden sich auch Schichtarbeiter meist mitten in einer Tiefschlafphase. Die Vorwärtsrotation – also die schrittweise Verlängerung des Tages – entspricht eher unserem Biorhythmus.

c. Freizeiten im Block nehmen, nicht als einzelne Tage

Die Schichtarbeit wird meist besser vergütet. Es gibt Nachtzuschläge, um den Einsatz der Mitarbeiter zu honorieren. Dabei wäre ein Ausgleich in Form von einer erhöhten Freizeit für die Gesundheit jedoch die bessere Lösung. Zusammenhängende freie Tage sind besonders hochwertig für die Erholung und die Lebensqualität.

d. Ausreichend Ruhezeiten zwischen zwei Schichten

(Mindestens elf Stunden) Regenerationsphasen sind essentiell für die Gesundheit der Schichtarbeiter

e. Kurze Schichtdauer bei schwerer Arbeit

Schichtpläne sollten bei der Festlegung der Schichtdauer die Art der Tätigkeit oder die Arbeitsschwere berücksichtigen. Körperliche sowie geistige Belastung sollte zur Kenntnis genommen werden und die Arbeitsdauer, vor allem in der Spät- und Nachtschicht, eventuell verkürzt werden.

f. Aufgaben in der Nachtschicht „entschärfen“

So organisieren viele Unternehmen die Arbeitsaufgaben so, dass die „leichteren“ Aufgaben in der Nachtschicht erledigt und schwerere oder Arbeiten die eine hohe Konzentration verlangen, in der Tagesschicht bearbeitet werden.

 

Es bleibt zu bemerken, dass es keinen allgemeingültigen, idealen Schichtplan gibt. Es gibt eine unüberschaubare Anzahl verschiedener Variationen von Schichtplänen, jeder mit seinen eigenen Vor- und Nachteilen. Jedoch, es gibt auf betriebliche Besonderheiten abgestimmte gute Modelle für den Betrieb.

Gesunde Gestaltung der Schichtarbeit – Gesundheitsorientierte und demografiegerechte Schichtmodelle

 


Best-Practice-Beispiele für gesundheitsschonende Schichtmodelle bei Volkswagen AG & Robert Bosch GmbH

Das Unternehmen Volkswagen hat beispielweise seit Anfang 2011 auf ein 17-Schichtenmodell mit vier Schichtmannschaften umgestellt. Maximal liegen nun zwei Früh- und Spätschichten und maximal 3 Nachtschichten hintereinander. Der schnelle Wechsel der Schichten und längere Ruhephasen kommt den rund 1100 VW-Beschäftigten, die in dem Schichtsystem arbeiten, zu Gute.

In dem Hauptwerk Reutlingen der Robert Bosch GmbH kommen je zwei Tage Früh-, Spät- und Nachtschicht direkt hinter einander; danach haben die Beschäftigten sechs Tage frei. Das alte Modell (vier Tage Früh-, Spät-, und Nachtschicht im Wechsel) wurde im Jahr 2012 nach einer Testphase von dem neuen Schichtmodell abgelöst. Bei der Schichtplangestaltung waren Mitarbeiter aktiv beteiligt. So fanden Befragungen vor und während der Umstellung statt; die Arbeitnehmer wurden angehalten Schlaf- und Befindlichkeitsprotokoll zu führen, außerdem gab es nach der Testphase eine Abstimmung zur Frage, ob das neue System eingeführt werden sollte. Die abschließende Beurteilung aus arbeitsmedizinischer Sicht zeigte einen deutlichen Rückgang von gesundheitlichen Problemen bei Nachtarbeit, einen Rückgang der Fehlzeiten und den Anstieg der Beliebtheit der Kontiarbeit bei den Mitarbeitern.

Prinzipiell lässt sich festhalten, dass tiefgreifende Veränderungen im Schichtsystem am besten funktionieren, wenn die von den Veränderungen betroffenen Arbeitnehmer am Entscheidungs- und Umsetzungsprozess beteiligt werden.

 


4. Gesundheit in die eigene Hand nehmen

Nicht nur der Betrieb ist dafür verantwortlich, die Risiken, die aus der Nacht- und Schichtarbeit resultieren, einzudämmen. Die Schichtarbeiter selbst, können, in dem sie ein besonderes Augenmerk auf ihre Gesundheit legen, die gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Schichtarbeit eindämmen. Hierbei spielen vor allem Faktoren wie Schlaf, Ernährung, Bewegung und soziale Kontakte eine Rolle.

a. Schlaf & schlaffördernde Maßnahmen

Der normale Schlafrhythmus wird durch Schichtarbeit unterbrochen. Schichtarbeiter, insbesondere Nachtschichtarbeiter, die tagsüber schlafen, leiden daher oft unter Schlafstörungen. Der Schlaf am Tag ist störanfälliger und oft von Unterbrechungen bedroht. Er ist somit kürzer, störanfälliger, nicht so tief und weniger erholsam. Untersuchungen haben ergeben, dass der gestörte Tagschlaf langfristig zu mehr gesundheitlichen Problemen führt, zu denen neben Konzentrationsschwäche, Nervosität und vorzeitiger Ermüdung auch Appetitlosigkeit und Magenbeschwerden gehören. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Störungen können Folgen des Schlafmangels durch Schichtarbeit sein.

 

 

» CHECKLISTE: SCHLAFFÖRDERNDE MAßNAHMEN

a) Versuchen Sie, an den normalen Schlafrhythmus anzuknüpfen! Greifen Sie dazu eventuell auf mehrere Schlafphasen am Tag zurück: eine Hauptschlafphase am Morgen, die nicht kürzer als vier Stunden sein sollte, sowie eine zweite Schlafphase am späten Nachmittag. Insgesamt sind sieben Stunden Schlaf pro Tag wichtig für Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Kurze „Power-Nickerchen“ am Nachmittag sind sinnvoll.

b) Schützen Sie sich vor der Störung durch Licht und Lärm! Schalten Sie unnötige Störquellen aus (z.B. Türklingel, Handy) und wählen Sie den ruhigsten Raum im Haus für Schlafzimmer (entfernt von Küche und Bad). Unterrichten Sie außerdem Nachbarn und Familienmitglieder und bitten Sie diese Ruhe während ihrer Schlafphasen zu wahren.

c) Sorgen Sie für die gute Belüftung ihres Schlafzimmers! Schlafen Sie kühl und dunkel!

d) Verwenden Sie keine Schlafmittel oder Alkoholika als Einschlafhelfer, da diese den Erholungswert des Schlafes mindern!

e) Greifen Sie stattdessen auf natürliche Entspannungstechniken, z.B. autogenes Training, progressive Muskelentspannung, etc. vor dem Schlafengehen zurück!

f) Trinken Sie keinen Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke in den letzten 4 Stunden vor dem Schlafengehen!

 

b. Ernährung als Schichtarbeiter

Unser Körper richtet sich mit seinem Bedürfnis der Nahrungsaufnahme und der Verdauungsarbeit nach dem Tag-Nacht-Rhythmus. Mit der Schichtarbeit gehen viele Änderungen im persönlichen Tagesablauf wie z.B. veränderte Essenszeiten und Essensgewohnheiten einher. Da unregelmäßige Ernährung oft Magen-Darm Probleme mit sich ziehen, ist es wichtig sich so nah wie möglich an einem normalen Ernährungsrhythmus zu orientieren.

 

» CHECKLISTE: GESUNDE ERNÄHRUNG IN DER SCHICHTARBEIT

a) Regelmäßigkeit bei der Ernährung
Mindestens drei, besser fünf kleine Mahlzeiten pro Tag zu sich nehmen.

b) Vor Schichtbeginn und vorm Schlafengehen nicht üppig schlemmen.
Schweres, fettes und kohlehydrathaltiges Essen senkt die Leistungsfähigkeit, da der Magen-Darm-Trakt verstärkt arbeiten muss. Setzten Sie daher eher auf leichte Kost vor Schichtbeginn (ideal: mageres Fleisch, Fisch, Joghurt, Vollkornbrot, etc.) Ebenso sollte ein leichtes Frühstück nach Heimkehr aus der Nachtschicht eingenommen werden, damit Sie besser in den Schlaf finden.

c) Ausreichend Flüssigkeitsaufnahme
Zwei bis drei Liter Flüssigkeit sollten am Tag aufgenommen werden. Zum Durstlöschen eigenen sich am besten Tees, Wasser, Saftschorlen. Auf Kola und Limonaden sollte verzichtet werden.

 

c. Bewegung als beste Medizin gegen schichtbedingte Erkrankungen

Untersuchungen zeigen, dass Sporttreibende gesünder, zufriedener und ausgeglichener sind. Vor allem Bewegung an der frischen Luft, also bei wechselnden Wetterverhältnissen und UV-Einstrahlung wirken sich positiv auf die Ausschüttung von stressreduzierenden und stimmungssteigernden Hormonen aus. Bessere Laune und Kondition sind die Folge. Außerdem verzeichnen „aktive Mitarbeiter“ weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, depressive Verstimmungen, Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen. Schichtarbeiter haben jedoch auf Grund ihrer versetzten und unregelmäßigen Arbeitszeiten oft eingeschränkte Möglichkeiten sich z.B. in Sportvereinen sportlich zu betätigen.

» CHECKLISTE: FIT BLEIBEN ALS SCHICHTARBEITER

a) Treiben Sie Sport und sorgen Sie für regelmäßige Bewegung. Viele Sportarten wie Schwimmen, Radfahren oder Walking benötigen weder Partner, Mannschaft noch Vereine.

b) Setzen Sie auf Hobbysportler und privatorganisiertes Sportprogramme mit Freunden/ Familie. Dies bietet Ihnen mehr Flexibilität.

c) Eventuell finden Sie sogar einen Sportpartner in der selben Schicht. Gemeinsame Sportaktivitäten lassen sich so leichter koordinieren.

d) Integrieren Sie mehr Bewegung in Ihren Alltag. Kommen Sie zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit. Laufen Sie Treppen, anstatt den Fahrstuhl zu nehmen. Auch Aktivitäten wie Gartenarbeit oder kurze Spaziergänge zählen zur gesundheitsfördernden Bewegung.

 

d. Soziale Kontakte zur Gesundheitsförderung

Schichtarbeiter beklagen oft auf Grund ihrer Arbeitszeiten eingeschränkte Möglichkeiten um soziale Kontakte zu pflegen. Dabei ist allgemein bekannt, dass ein stabiles soziales Netz die Gesundheitsressource „Nummer 1” ist. Brechen soziale Netzwerke weg, so besteht in kritischen Lebenssituationen eine erhöhte Gefahr z.B. psychische Belastungen nicht ausreichend verarbeiten zu können, in Suchtverhalten zu verfallen oder manifeste Depressionen zu entwickeln und an einem Burnoutsyndrom zu erkranken. Der Gefahr einer sozialen Isolation kann am besten vorgebeugt werden, wenn Freizeitaktivitäten mit Freunden und Familie bewusst geplant und durchgeführt werden.

 

» CHECKLISTE: GESUNDES PRIVATLEBEN

a) Versuchen Sie, so oft es geht, an den gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie teilzunehmen

b) Gleichen Sie fehlende Quantität durch Qualität aus. Planen Sie beispielweise besondere Ausflüge an einem freien Samstag

c) Planen und führen Sie Freizeitaktivitäten mit Freunden bewusst durch

d) Sprechen Sie rechtzeitig mit Ihrem Vorgesetzten über Ihre Wünsche und Bedürfnisse hinsichtlich der Schichtplangestaltung

 

 


Fazit

Dass auf Schichtarbeit nicht zu verzichten ist, ist ganz klar. Auch, dass gewisse Risiken mit der Arbeit rund um die Uhr einher gehen. Daher ist es wichtig, dass zunächst jeder einzelne Schichtarbeiter für seine Gesundheit und Leistungsfähigkeit sorgt, z.B. durch regelmäßige betriebsärztliche Untersuchungen und einen gesunden Lebensstil auf seine Gesundheit achten sollte. Den Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit zu finden und sich aktiv um seine körperliche Fitness zu kümmern, ist besonders für Arbeitnehmer, die gegen ihre innere Uhr arbeiten, von zentraler Bedeutung. Aufgabe des Mitarbeiters.

Die Aufgabe des Unternehmens ist es, für gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen zu sorgen und diejenigen Schichtsysteme zu identifizieren, die mit den geringsten negativen Effekten für die Gesundheit ihrer Arbeitnehmer verbunden sind.

Zusammengenommen ist dies ist die Voraussetzung, dass das Unternehmen seine Wettbewerbsfähigkeit erhält und Mitarbeiter langfristig gesund in der Schichtarbeit bleiben.

UBGM-Gastautorin: Alena Knabe, Psychologin (BA)

 


Mehr Links zum Thema finden Sie hier:

» Informationen zu unserem Seminar „Gesund in der Schichtarbeit“ »

» Informationen zu unserem Seminar „Gesunde Gestaltung der Schichtarbeit“ »

» Seminare, Trainings, Workshops & Schulungen für ein adäquates Stressmanagement »

» Informationen zum Thema (Work)-Life-Balance im entsprechenden Praxisleitfaden »

» Der Praxisleitfaden zum Thema Burnoutprävention »

 


Weiterführende Quellen:

  1. Arbeitsmedizinisches Kolloquium (2011). Deutsche Gesetzlichen Unfallversicherung, Heidelberg
  2. Rudolf Karazmann, Auswirkungen von Schichtarbeit, Lebensqualität und persönliche Entwicklung, erschienen in einem Tagungsbericht des österreichischen Netzwerkes für betriebliche Gesundheitsförderung zum Thema Schichtarbeit.

 


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