Post-Covid: Der Videocall riecht keine Fahne

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Gefahr der Alkoholsucht durch Corona stark gestiegen

Seit Beginn der Corona-Pandemie mussten viele Arbeiternehmende mit Einschränkungen leben, sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld. Durch fehlende soziale Kontakte, wenig Interaktion, Austausch und eingeschränkte Freizeitaktivitäten bleibt genug Zeit für neue Angewohnheiten: Alkohol, Nikotin oder andere psychoaktive Substanzen sind als Genussmittel gedacht, führen aber in Krisensituationen und damit verbundenem Stress oft zu einem riskanten Konsum- oder sogar Suchtverhalten. Vor allem verstärkter Alkoholkonsum ist bei Problemen und Krisen ein bekannter Bewältigungsmechanismus, um Sorgen und Ängste zu beruhigen oder abzumildern. Ein solch riskantes Verhalten ist dann nicht nur für das Privatleben problematisch, sondern kann auch im Arbeitsumfeld schwerwiegende Folgen mit sich bringen. Wie beeinflusst die Corona-Pandemie den Alkoholkonsum? Wer ist besonders betroffen und was kann ihnen helfen, ein verstärkten Alkoholkonsum entgegenzuwirken? Wie können besonders Führungskräfte für das Thema sensibilisiert werden?

Süchte in der Krise – kein neues Phänomen

Nicht nur an Geburtstagen oder großen Feiern, sondern auch bei gemütlichen Abenden vor dem Fernseher oder beim Spaziergang durch die Stadt – Alkohol gehört für viele Erwachsene einfach dazu, wird aber im Alltag oft verharmlost. Doch nicht nur im Alltag, sondern auch in Ausnahmesituationen greifen wir zum Alkohol.

Bereits durch frühere Epidemien und Pandemien, bspw. SARS-Pandemie 2002/2003 oder Ebolafieber-Epidemie 2014-2016, ist bekannt, dass typische Stressoren einer gesellschaftlichen Krise, wie Frustration, wirtschaftliche Verluste, fehlende oder falsche Informationen, sowie Langeweile durch Lockdowns, Ausgangssperren und Quarantäneverordnungen negative psychologische Effekte hervorrufen oder verstärken, wie bspw. Abhängigkeitsverhalten oder Alkoholmissbrauch (Studie: Alcohol Abuse/Dependence Symptoms Among Hospital Employees Exposed to a SARS Outbreak, Ping Wu et. al.).

Wer trinkt wie viel in der Pandemie?

Erfreulich ist zunächst, dass entgegen der Annahme, dass während der Corona-Pandemie der Konsum von Alkohol gestiegen ist, der Alkoholkonsum in Deutschland im Durchschnitt tatsächlich zurückgegangen ist. Andererseits gab es aufgrund der vielen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens aber auch viel weniger Gelegenheiten für Alkoholkonsum, da persönliche Treffen in Bars und Restaurants, soziale Events, wie Konzerte oder Sportveranstaltungen monatelang nicht oder nur unter strengen Auflagen stattfinden konnten.

Wenn man sich die Zahlen aber im Detail anschaut, sieht man ganz deutlich einen Anstieg des Alkoholkonsums in bestimmten Bevölkerungsgruppen (Studie: Alkoholkonsum in Deutschland und Europa während der SARS-CoV-2 Pandemie, Jakob Manthey et. al.):

Wichtig:

  1. Personen in sozialer, beruflicher oder finanzieller Notlage,
  2. Personen, die generell ein riskantes Konsumverhalten aufweisen und
  3. Weibliche Personen.

Der Geschlechtsunterschied könnte sich vor allem durch die Mehrbelastung im Familienleben und Haushalt ergeben, welche immer noch vorwiegend durch Frauen getragen wird. Soziale oder berufliche Notlagen hingegen lösen Stress und Ängste in uns aus, was ebenfalls einen vermehrten Konsum oder ein Suchtverhalten bestärkt. Auch Personen, welche bereits vor der Pandemie ein riskantes Konsumverhalten hatten, neigen durch z.B. soziale Isolation und fehlende Kontrolle im Homeoffice und eingeschränkte oder fehlende Hilfsmöglichkeiten zu einem verstärkten und unkontrolliertem Alkoholkonsum. Das betrifft u.a. unterstützende Strukturen wie Selbsthilfegruppen oder andere aufgebaute soziale Netzwerke, die während einer Abstinenz geschaffen wurden, und welche den Betroffenen normalerweise einen Weg aus der Alkoholabhängigkeit bieten.

Auch wenn nur einige Bevölkerungsgruppen von dem gestiegenen Alkoholkonsum betroffen sind und der Konsum im Durchschnitt zunächst zurückging, ist eine solche Bewältigungsstrategie langfristig nur schwer aufrechtzuerhalten. Durch den sozialen Rückzug und dem Wechsel ins Homeoffice fehlen vor allem die Einblicke von Außenstehenden auf das Berufs- oder Privatleben. Somit entfällt eine Hemmschwelle für einen höheren Alkoholkonsum und es gibt viel mehr Möglichkeiten dem Suchtverhalten nachzugehen oder dieses wieder aufzunehmen. Online-Meetings, Videocalls und Telefonate könnten unbemerkt auch alkoholisiert durchgeführt werden, solange das Verhalten durch den Alkohol nicht schwer beeinträchtigt wird. Dies könnte dazu führen, dass gegen Ende und nach der Pandemie der Konsum in den gefährdeten Gruppen noch weiter zunehmen wird als bisher.

Suchtprävention und Führungskräfte-Schulungen

Alkoholmissbrauch und andere Suchterkrankungen sind nicht nur eine private Last, sondern auch eine Gefahr für Unternehmen und Führungskräfte. So sorgt übermäßiger Alkoholkonsum zu erhöhten Fehl- und Arbeitsunfähigkeitszeiten, erhöhter Unfallgefahr auf dem Weg, zur oder während der Arbeit, verminderter Arbeitsfähigkeit und schwerwiegenden Erkrankungen. Deshalb besteht vor allem bei Suchterkrankungen zeitnah Handlungsbedarf in den Unternehmen, um Führungskräfte und Mitarbeitende bestmöglich auf solche Fälle vorzubereiten, reagieren zu können und im Betrieb suchtpräventive Angebote bereitzustellen.

Nach dem Homeoffice und der Rückkehr in den üblichen Arbeitsalltag sollten die Führungskräfte ein Auge auf ihre Mitarbeitenden werfen. Mögliche Anzeichen einer Abhängigkeit könnten strenger alkoholischer Geruch, steigende Fehlzeiten oder unkonzentriertes oder aggressives Verhalten sein. Kommen Mitarbeitende alkoholisiert zur Arbeit, sind Vorgesetzte dazu verpflichtet dafür zu sorgen, dass der Mitarbeitende seine Arbeit beendet und sicher nach Hause kommt. Wichtig ist auch, nicht wegzuschauen oder Mehrarbeit von den Betroffenen zu übernehmen oder gar ihr Verhalten zu entschuldigen. Sowohl Mitarbeitende als auch Führungskräfte sollten in jedem Fall Strategien und Methoden erlernen, um mit psychisch- und suchterkrankten Menschen umzugehen. Vor allem Aufklärung und Vertraulichkeit sind bei der Suchtprävention unabdingbar.

Hilfe suchen

Bei einem akuten Eigen- oder Fremdverdacht einer Alkoholabhängigkeit oder jeder anderen Sucht sollte neben der Schulung von Mitarbeitenden und Führungskräften zum Thema „Sucht“ und „Suchtprävention“ schnellstmöglich weitere professionelle Hilfe aufgesucht werden. Diese können im Einzelfall gezielt zur Vermeidung, Früherkennung und Frühintervention, sowie zur Verringerung von legalen und illegalen Drogen beitragen und Unterstützung leisten.

Über die folgenden Seiten und Telefonnummern erhalten Sie weitere Informationen und suchtpräventive Unterstützung:


Autorin: Linda Weber


  • Quelle 1: Alcohol Abuse/Dependence Symptoms Among Hospital Employees Exposed to a SARS Outbreak, Ping Wu et. al.
  • Quelle 2: Alkoholkonsum in Deutschland und Europa während der SARS-CoV-2 Pandemie, Jakob Manthey et. al.

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