Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) statt Krankheitsvermeidung – Übersicht des salutogenetischen Ansatzes im Betrieblichen Gesundheitsmanagement

Die Salutogenese unterscheidet sich stark von der Pathogenese, die die Suche nach einzelnen krankmachenden Einflüssen, den Stressoren, in das Zentrum ihrer Forschung stellt. Antonovsky betont indessen, dass sich die Salutogenese immer mit der „gesamten Geschichte eines Menschen“ (Antonovsky, S.19, 1997) beschäftigt. Somit konzentriert sich diese Theorie auf die Faktoren, die Gesundheit fördern können. Hierbei spielen die Copingressourcen eine besondere Rolle, die dafür sorgen, dass sich die Person dem Pol der Gesundheit möglichst weit annähert.

 


Das Gesundheitskontinuum

Der „Gesundheitspol“ (Vgl. Antonovsky, 1997, S. 21ff.) kann als richtungweisender Punkt in einem „Gesundheits-Krankheits-Kontinuum“ betrachtet werden. Bewegt man sich ihm näher, so bedeutet das, dass man mehr gesund als krank ist. Dieselbe Bewegung kann auch in Richtung „Krankheitspol“ verlaufen. Der „Gesundheitspol“ selbst kann nie erreicht werden, da der Mensch immer als gesund und krank zugleich betrachtet werden muss.

Stressoren werden nicht notwendigerweise als pathogen betrachtet, sondern in bestimmten Fällen der Gesundheit sogar zuträglich beschrieben. Dies ist abhängig vom Charakter des Stressors und der erfolgreichen Auflösung der Anspannung, also der Art und Weise wie das Individuum mit den Stressoren umgeht.

Vergleicht man Antonovskys Modell mit anderen Gesundheitsmodellen, so unterscheidet sich dieses grundlegend in der Betrachtung des Zustandes von Krankheit und Gesundheit. So sieht Antonovsky den Menschen zu jeder Zeit seiner Existenz als krank und gesund an. Er spricht von einem multidimensionalen „Gesundheits-Krankheits-Kontinuum“, auf dem sich der Mensch sein ganzes Leben lang bewegt. Mal ist er dem Pol der Gesundheit und mal ist er dem Pol der Krankheit näher. Gesundheitsverhalten, und dazu gehört alles was ein Mensch aktiv zu seiner Gesundheit beitragen kann (z.B. Sporttreiben, gesunde Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen, aber auch Medikamenteneinnahme) sorgt somit dafür, dass sich das Individuum auf dem Kontinuum, dem Pol der Gesundheit annähert. Gesundheitsschädliche Faktoren (z.B. Stress, Lärm, Schmutz, Unfall sowie exo- und endogene Einflüsse) können dazu führen, dass sich das Individuum von der Gesundheit weg, in Richtung Krankheitspol bewegt.

 


Das Modell der Salutogenese nach A. Antonovsky

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Abbildung 1: Das Modell der Salutogenese (vereinfacht), (Wiesmann & Thonak)

 


Das Kohärenzgefühl – Verstehbarkeit, Handhabbarkeit & Bedeutsamkeit

Für Antonovskys Salutogenese ist das Kohärenzgefühl (SOC = sense of coherence) von zentraler Bedeutung. Das Koherenzgefühl wird determiniert aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit. Dabei ist nicht in erster Linie entscheidend, ob man diese Qualitäten wirklich aufweist, sondern ob man selbst davon überzeugt ist, sie zu besitzen.

Antonovsky definiert unter Verstehbarkeit „das Ausmaß, in welchem man interne und externe Stimuli als kognitiv sinnhaft wahrnimmt, als geordnet, konsistent, strukturiert und klare Informationen und nicht als Rauschen – chaotisch, ungeordnet, willkürlich, zufällig und unerklärlich“ (Antonovsky, 1997, S.34).

Eine Person mit einem hohen Ausmaß an Verstehbarkeit geht davon aus, dass bestehende und zukünftige Reize eingeordnet und erklärt werden können. Handhabbarkeit ist „das Ausmaß, in dem man wahrnimmt, dass man geeignete Ressourcen zur Verfügung hat, um den Anforderungen zu begegnen, die von den Stimuli, mit denen man konfrontiert wird, ausgehen. ‚Zur Verfügung’ stehen Ressourcen, die man selbst unter Kontrolle hat, oder solche, die von anderen Legitimierten kontrolliert werden – vom Ehepartner, von Freunden, Kollegen, Gott, der Geschichte, vom Parteiführer oder einem Arzt – von jemandem auf den man zählen kann, jemandem, den man vertraut“ (Antonovsky, 1997, S.35).

Eine Person mit einem hohen Maß an Handhabbarkeitsempfinden, geht davon aus, dass ihr genügend Mittel bzw. Ressourcen zur Verfügung stehen, um bevorstehende Herausforderungen und Anstrengungen zu meistern. Antonovsky verweist hier darauf, dass Menschen mit einem hohen Ausmaß an Handhabbarkeit sich durch bestimmte Lebenssituationen nicht in die Opferrolle drängen lassen und sich ungerecht behandelt fühlen.

Als Bedeutsamkeit betrachtet er „das Ausmaß, in dem man das Leben emotional als sinnvoll empfindet: dass wenigstens einige vom Leben gestellte Probleme und Anforderungen es wert sind, dass man Energie in sie investiert, dass man sich für sie einsetzt und sich ihnen verpflichtet, dass sie eher willkommene Herausforderungen sind als Lasten, die man gerne los wäre“ (Antonovsy, 1997, S.35 f.).

Menschen mit einem hohen Ausmaß an Bedeutsamkeit werden all ihre Anstrengung auf die herausfordernde Lebenssituation lenken und diese probieren, mit all ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen zu bewältigen.

Antonovsky fasst den Gedanken des Kohärenzgefühls wie folgt zusammen: „Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass:

 


Kohärenzgefühl und Widerstandsressourcen

1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind,

2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;

3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“.

 


Das Kohärenzgefühl als eine Grundlage in der betrieblichen Gesundheitsförderung

Eine Person, die ein hohes Maß an Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit aufzeigt, die wird nach Antonovskys Theorie ein hohes Kohärenzgefühl aufweisen und somit die besten Voraussetzungen haben, sich selbst dem „Gesundheitspol“ näher zu bringen.

Die wichtigste Einflussgröße scheint hierbei die motivationale Komponente der Bedeutsamkeit zu sein, da sie letztendlich darüber entscheidet, ob und in welchem Ausmaß Anstrengungen für ein Handeln aufgewendet werden, um eine bestimmte Zielstellung, wie z.B. die Genesung, zu erreichen. Dieser Prozess wird auch als Bewältigungshandeln bezeichnet.

Jede der drei Komponenten, Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit wird durch die Fülle und Qualität der allgemeinen Widerstandsressourcen (GRRs = generaly resistance ressources), wie z.B. soziale Unterstützung, Selbstbewusstsein oder kognitiven Fähigkeiten, d.h. personalen und sozialen Ressourcen, bestimmt.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass endogene und exogene Stressoren, je nachdem wie sie interpretiert werden, das SOC hemmen und Widerstandsressourcen es fördern können.

Beispiel: Sport- und Bewegungsverhalten als Maßnahme der Gesundheitsförderung

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Abbildung 2 : Modell der Salutogenese und die Einflussnahme von Sport (vereinfacht)
(Quelle: http://www.uni-Bielefeld.de/sport/)

Mit der Salutogenese ganz eng verbunden ist natürlich auch die Betrachtung der Genesung und Ursachenforschung zur Entstehung von Erkrankungen. Das Modell macht ein Verständnis für die Einflussnahme des einzelnen Individuums auf seine Gesundheit sichtbar. Es gibt jedoch nicht die gesamte Verantwortung dafür allein in sein Handeln und Verhalten ab.

Für die Betriebliche Gesundheitsförderung stellt dies einen Ansatz dar, der einerseits den Mitarbeiter in die Selbstverantwortung nimmt etwas für seine Gesunderhaltung zu tun und andererseits dem Unternehmen die Möglichkeit gibt ihn dabei zu unterstützen.

 


Mehr Links zum Thema finden Sie hier:

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