BKK-Gesundheitsreport 2015: Trendwende oder die Ruhe vor dem Sturm

BKK-Gesundheitsreport 2015: Arbeitsunfähigkeit rückläufig & Langzeiterkrankungen auf dem Vormarsch

Im aktuellen BKK-Gesundheitsreport 2015 „Langzeiterkrankungen“ spricht Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl Lauterbach MdB von der „Ruhe vor dem Sturm“. Chronische und Langzeiterkrankungen sind auf dem Vormarsch und die Tendenz ist auch für die kommenden Jahre nicht abnehmend. Das stellt das Gesundheitssystem in allen Bereichen vor neue finanzielle und strukturelle Aufgaben. Dieses Szenario zeichnet sich seit einigen Jahren ab, der aktuelle Gesundheitsreport setzt die Wende nur fort.

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Steigende Zahl an psychischen Erkrankungen

Zu den Ergebnissen der aktuellen Studie gehört die Tatsache, dass fast die Hälfte aller Fehltage auf Langzeiterkrankungen mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen zurückzuführen sind. Zu den typischen Erkrankungen in dieser Gruppierung gehören Hypertonie, Diabetes, Krebs, aber auch psychische Krankheiten sowie Muskel-Skeletterkrankungen. Dieser Wert lag vor zehn Jahren noch um fünf Prozentpunkte niedriger. Die Diagnosegruppen Muskel- und Skeletterkrankungen und psychische Erkrankungen machen zusammen mehr als die Hälfte (55,4%) aller Krankengeldtage aus und bilden damit den Kern der Langzeiterkrankungen.
Insgesamt betrachtet, sind die Krankenstände 2014 leicht zurückgegangen. Es wird jedoch vermutet, dass dies auf die ausgebliebene Grippewelle im Jahr 2014 zurückzuführen ist. Grundlage der Studie sind die Daten und Befragungen von BKK-Mitgliedern.

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Präsentismus steigt – Arbeitnehmer wollen Krankschreibung verhindern

Mehr als 1000 Personen nahmen an der BKK Umfrage 2015 teil, die zum Thema der „Gewährung und Inanspruchnahme von AU-Tagen ohne Krankschreibung durch den Arbeitgeber“ stattfand. Teil dieser Umfrage, die im BKK-Gesundheitsreport vorgestellt wird, war auch die Frage, wie oft die Befragten trotz einer Erkrankung zur Arbeit gingen. Dieses Phänomen nennt man Präsentismus. Der Durchschnitt bei dieser Befragung lag bei etwa fünf Arbeitstagen pro Jahr (5,3 Tage je Beschäftigtem). Chronisch erkrankte Mitarbeiter wiesen mit 7,9 (Präsentismus-)Tage pro Jahre noch höhere Werte auf. Interessant ist, dass je restriktiver die Gewährung von AU-Tagen ohne Krankschreibung in Unternehmen gehandhabt wird, die Präsentismuswerte steigen. Dies kann man so deuten, dass Mitarbeiter aus Angst vor den Konsequenzen von Krankschreibungen, beispielsweise den Verlust des Arbeitsplatzes, lieber krank zur Arbeit gehen, als zu fehlen. Dabei sind die Langzeitfolgen von Präsentismus für Unternehmen zumeist viel verheerender als die Krankschreibungen selbst.


 

Sinkende Ausfalltage bei Burn-out-Syndrom

Zu beobachten ist laut dem Gesundheitsreport 2015 ein Rückgang der Anzahl der Ausfalltage durch die Diagnose Burn-out-Syndrom, nur die Fallzahl ist leicht gestiegen. Der Wert der Ausfalltage ist demnach in 2014 um ein Viertel auf 28,8 AU-Tage je Fall gesunken. Die Ursache für diesen Umkehrtrend könnte in einem veränderten Kodierverhalten der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten liegen, sicher ist dies jedoch nicht. Mögliche alternative Kodierungen wären demnach Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, neurotische Störungen oder Unwohlsein und Ermüdung. Interessant ist, dass im gleichen Beobachtungszeitraum bei der Diagnose „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ eine deutliche Zunahme der AU-Tage zu beobachten ist.


 

Lange Krankschreibungen im Postdienst

Signifikant ist die Zunahme an Ausfalltagen im Postdienst. Während im Jahr 2009 16,3 AU-Tage pro Mitarbeiter verzeichnet werden konnten, stieg dieser Wert auf 26 AU-Tage im Jahr 2014. Eine ähnliche Tendenz gibt es in der Branche der Abfallbeseitigung. Die Experten des BKK-Gesundheitsreports sehen eine mögliche Ursache für diese Tendenz in der Beschäftigungsstruktur dieser Branchen, die deutlich häufiger zu Langzeiterkrankungen führe, als in anderen Wirtschaftsbranchen.

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In Kleinunternehmen fehlt die Gesundheitsförderung

Eine weitere Tendenz bezieht sich auf die Größe des Unternehmens. Grundsätzlich ist die Anzahl an Langzeiterkrankungen nicht abhängig von der Größe bzw. der Mitarbeiteranzahl eines Unternehmens. Jedoch ist zu erkennen, dass die Dauer einer Erkrankung mit einer zunehmenden Mitarbeiterzahl abnimmt. So berichtet der Gesundheitsreport von einer Abnahme der Falldauer – von der kleinsten zur größten Kategorie – um fast zehn Prozent. So wird festgestellt, dass in Kleinunternehmen mit bis zu neun Mitarbeiter fast die Hälfte aller Fehltage (49 Prozent) auf Langzeiterkrankungen zurückzuführen sind.
Die Ursache dafür könnte darin liegen, dass größere Unternehmen die notwendigen Kapazitäten und Strukturen für ein professionelles Gesundheitsmanagement und Präventionsangebote für Mitarbeiter aufweisen.


 

Versorgungs- und Gesundheitsmanagement gehören zusammen

Mit Hinblick auf den demografischen Wandel kann davon ausgegangen werden, dass weiterhin mit einem Anstieg der Fälle von Langzeiterkrankungen zu rechnen ist. Dem muss das Gesundheitssystem schnellstmöglich Rechnung tragen.
„Das deutsche Gesundheitswesen ist erstarrt in seinen Strukturen. Es ist nicht am Krankheitsverlauf eines Patienten orientiert, was bei Langzeit-Patienten bitter nötig wäre, sondern agiert in Zeiten globaler Informationsvernetzung noch mit Abgrenzung und Abschottung: So zwischen ambulanter und stationärer Behandlung, zwischen Ärzten und anderen Gesundheitsberufen und auch zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung“, fasst Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes, die momentane Situation zusammen. So seien die Grenzen im Gesundheitssystem viel zu starr, so Knieps, Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte müssten effizienter miteinander zusammenarbeiten. Auch die Grenze zwischen Kuration und Prävention müsse aufgegeben werden, erläutert der Gesundheitsreport, damit Ersterkrankungen effizient behandelt werden können und folgende Zweit- und Dritterkrankungen verhindert werden können.


 

Gesundheitsmanagement ist Lösungsansatz

Aber auch in den Unternehmen müsse ein Wandel der Mentalität und der Struktur einkehren. Einen Lösungsansatz für die bevorstehenden Probleme sieht der Gesundheitsreport in einem präventiven Gesundheitsmanagement. Indem den Mitarbeitern eines Unternehmens spezielle gesundheitsfördernde Maßnahmen angeboten und auf ein gesundheitsförderndes Betriebsklima geachtet wird, soll die Häufigkeit und die Schwere von Langzeiterkrankungen vermindert werden.
Dies funktioniert sicher besser bei koronaren Herzkrankheiten als bei Krebserkrankungen, da erste auch auf den Lebensstil zurückzuführen sind, die Ursachen für verschiedene Krebserkrankungen jedoch nicht präventiv behandelt werden können. 
Bei eintretenden Erkrankungen muss zudem ein effektives Versorgungsmanagement frühzeitig greifen, damit die Länge der Erkrankungen eingedämmt werden kann. Das Fazit des BKK-Gesundheitsreports 2015 liegt in der Forderung eines Masterplans „Chronische und Langzeiterkrankungen“, wie es ihn bereits als nationalen Krebsplan gibt.


Weitere Informationen:

BKK-Gesundheitsreport 2015 „Langzeiterkrankungen“

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